Windhorse 
 Frankenthal
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Unser Konzept:

  1. Einleitung

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit 500 Millionen Menschen psychisch krank. Davon leiden 52 Millionen an Schizophrenie.

Das Windhorse Projekt ist eine Behandlungsform zur Heilung chronisch schizophren erkrankter Menschen und wendet sich insbesondere an Betroffene, die in der Psychiatrie keine Fort- schritte mehr machten.

Zu Beginn möchten wir die Gründung dieses Projektes beschreiben. Danach soll die Realisierung in den USA, die konkrete therapeutische Arbeit und abschließend die Verbreitung des Projektes in Europa dargestellt werden.

 

 2. Das "Windhorse Projekt”

1.2 Begründung der Vision

Der amerikanische Psychiater Edward M. Podvollgründete 1981 mit Hilfe von StudentInnen und FreundInnen das Windhorse Projekt. Podvoll war Leiter des Naropa-Instituts in Boulder, Colorado. Grundlagen, konkrete Umsetzung und bisherige Erfahrungen hat Podvoll in seinem 1990 veröffentlichten Buch "The Seduction of Madness" veröffentlicht (Dt. Ausgabe: Die Verlockungen des Wahnsinns, 1994).

Die wesentlichste Grundüberzeugung für die Arbeit im Windhorse-Projekt ist, dass Körper, Geist und Raum eine Einheit bilden.

Im Windhorse Projekt wird eine "Psychiatrie des Mitgefühls" praktiziert. Die Bezeichnung  bezieht sich auf einen zen- tralasiatischen Mythos, in dem das "Windpferd" die gesunde Energie symbolisiert, die jedem Körper und Geist innewohnt. Dem Windhorse Projekt liegt somit eine buddhistische Überzeugung zugrunde.

So geht Podvoll davon aus, dass jede/r einen Geisteszustand besitzt, der gesund und heil ist. Jedem Menschen wohnt eine ureigene Gesundheit inne und diese ist unabhängig von seinem momentanen Geisteszustand oder der jeweiligen Situation. Es geht nicht so sehr um das, was in der Biographie schiefgelaufen ist, um den psychischen Konflikt, sondern der Ausgangspunkt ist die Frage weg von jeglichem Kranksprechen: „Was ist im Grunde genommen gut und gesund an einem Menschen?“

Podvoll ist in seiner mehr als 30jährigen Praxis und im intensiven Studium verschiedener Biographien von psychisch Kranken sowie der Untersuchung von unterschiedlichsten psychiatrischen Behandlungskonzepten auch anderer Kulturen  zu der Über- zeugung gekommen, dass eine Erholung von den schlimmsten psychotischen Zuständen möglich ist. Seine eigenen Erfahrungen bestätigen dies: Er konnte beobachten, wie sich Betroffene manchmal für Monate, Jahre und sogar für den Rest ihres Lebens von ihrer Erkrankung befreien konnten.

Im ersten Teil seines Buches stellt Podvoll vier Biographien von Personen vor, die schizophren, manisch-deperessiv oder durch Einnahme von Substanzen psychotische Zustände erleben. Anhand dieser Biographien versucht Podvoll das Wesen, den Verlauf und auch die Verlockung des "veränderten Bewusstseins" darzustellen.

Er zeigt auf, dass es im "Krankheitsverlauf" immer wieder, auch unter widrigsten Umständen, Momente unterschiedlichster Dauer gab, in denen die Betroffenen Verbindung zum "normalen Bewusstsein" hatten. Diese Momente, die Podvoll auch bei seinen PatientInnen beobachten konnte, nennt er "Inseln der Klarheit" und sie wurden entscheidender Therapieansatz im Wind- horse-Projekt. Es geht im Grunde darum, der "Verlockung des Wahnsinns", die "Verlockung der Realität" entgegenzusetzen.

Um im Sinne des Windhorse Projektes arbeiten zu können, müssen alle beteiligten HelferInnen bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Grundvoraussetzung ist die Überzeugung, dass Körper, Geist und Raum eine Einheit bilden (Ganzheitlichkeit). Sie sollten über eine gewisse Selbsterfahrung bzgl. eigener Schwächen und Stärken verfügen und von der eigenen innewohnenden Gesund- heit überzeugt sein. Eigene Klarheit (Ehrlichkeit), grundlegende Freundlichkeit sich selbst und anderen gegenüber (Achtung, Respekt und Wertschätzung) sowie Wertfreiheit (kein patholo- gisieren) sind weitere individuelle Voraussetzungen der Helfe- rInnen. Diese bieten den Betroffenen Präsenz, Achtsamkeit, Austausch und Freundschaft an.

Die entscheidende Voraussetzung, die der/die Betroffene mitbringen soll, ist der Wille zur Genesung und die Bereitschaft zu lernen, gesund zu bleiben.

Zu den äußeren Voraussetzungen gehört die gesunde Umwelt, d.h. um den/die Betroffene wird eine kleine Gemeinschaft gegründet, die therapeutische Windhorse-Wohngemeinschaft. Außerdem sollte der/die Betroffene nicht sich selbst überlassen werden, daraus resultiert die Basisbetreuung.

 

2.3 Organisation und Ablauf des Windhorse Projektes

Die therapeutische Wohngemeinschaft, wie sie beim Windhorse Projekt praktiziert wird, unterscheidet sich dadurch, dass hier nur ein/e Betroffene/r betreut wird. Sie besteht zunächst aus dem/der Betroffenen und zwei gesunden MitbewohnerInnen (auch Verwandte oder FreundInnen). Um dieses Zentrum des Geschehens nehmen acht sogenannte TeamtherapeutInnen ihren Platz ein. Dabei ist zu beachten, dass TeamtherapeutInnen alle Mitglieder im HelferInnenkreis um den/die Betroffene/n sind und zwar unabhängig von ihrer Berufsausbildung. Von ihnen über- nimmt eine/r die Teamleitung und eine/r die Aufgabe des/r leitenden TherapeutIn.

Das Team bringt sich auf folgende Weise in den Heilungsprozess des Betroffenen mit ein:

Pro Woche verbringt jede/r TeamtherapeutIn zwei sogenannte „Schichten“ von 3 Stunden Dauer mit dem/der Betroffenen. So kommen je nach Bedarf des/r Betroffenen pro Tag eine bis drei Schichten in Betracht. Für diese Begegnungen sind die Teammitglieder in der Methode der Basisbetreuung ausgebildet, auf die weiter unten eingegangen wird.

Das Team kann bis auf den/die leitende/n TherapeutIn aus Laien, also aus Freunden und Verwandten des/der Betroffenen, StudentInnen und älteren SchülerInnen, RentnerInnen und Interessierten bestehen.

Jede/r hat neben den erworbenen Basisbetreuungsfähigkeiten bestimmte eigene Hobbys und Interessen, die ihn/sie für den/die Betroffene/n interessant machen. Die Betreuung des/der KlientIn fällt dadurch sehr vielfältig aus. Schließlich stehen die Teammit- glieder nicht isoliert da, sondern immer auch im Kontext mit ihrem eigenen sozialen Umfeld, welches in die Behandlung miteinbezogen werden kann, indem z.B. ein Teammitglied seine/ihre Kinder mitbringt.

Zu Beginn einer Windhorse-Therapie führen die Teammitglieder eine Schicht immer zu zweit durch und zwar so lange, bis jede/r mit jedem einmal den/die Betroffene betreut hat. Dadurch lernen sich alle untereinander besser kennen und die anfängliche Verhaltensunsicherheit verfliegt, die Lücken im sozialen Netz- werk schließen sich.

Den beiden HausgenossInnen kommt eine besondere Rolle zu. Sie führen keine Schichten mit therapeutischen Anspruch durch, sondern leben mit dem/der Betroffenen den Alltag.

Dem/r leitenden TherapeutIn steht als weitere Aufgabe die Leitung der zusätzlichen therapeutischen Einzelsitzungen in traditioneller Psychotherapie zu, während der/die TeamleiterIn für die Betreuung des gesamten Teams und der Wohn- gemeinschaft zuständig ist. Er/Sie leitet auch die diversen Sitzungen, die der Kommunikation aller und dem Informations- fluss dienen.

 
Da wäre die Sitzung der Wohngemeinschaft, an welcher der/die Betroffene, die HausgenossInnen und der/die TeamleiterIn teilnehmen
 
Am Teamtreffen nehmen alle Beteiligten teil
 
Die Sitzung für die Teamleitung ist dem/der TeamleiterIn und dem/r leitenden TherapeutIn vorbehalten
 
An der Supervisionssitzung beteiligen sich beliebig viele TeamtherapeutInnen (auch aus anderen WG´s)

So ist also die Voraussetzungen einer kleinen gesunden Gemeinschaft als ein wichtiges Heilelement gegeben, um die Inseln der Klarheit aufzunehmen. Gesundheit der Umgebung - dies rechtfertigt auch den Aufwand eines gesunden Teams. Im Umgang mit anderen Betroffenen sinkt die Wahrscheinlichkeit der Heilung, da die Inseln der Klarheit unerkannt bleiben und daraus Unzufriedenheit und erneute psychotische Einbrüche erfolgen können.

In dem Moment, wo das Team dem/r Betroffenen mit einer freundlichen und warmherzigen Einstellung begegnet, beginnt diese/r zu lernen sich selbst und seinem Körper gegenüber eine ähnliche Haltung zu entwickeln.

 

2.3.1 Basisbetreuung:

Basisbetreuung findet innerhalb der drei Stunden einer Schicht statt und verbindet die Elemente Psychotherapie, Krankenpflege und Aufmerksamkeit für alles, was der Rekonvaleszent zur Wiedergewinnung der Gesundheit braucht.

Basisbetreuung ist das flexibelste und wichtigste Element in der Windhorse -Therapie und kann überall stattfinden: im Zimmer des/r Betroffenen, in der Küche, im Wald, auf dem Sportplatz, beim Einkaufen. Der Ort richtet sich immer nach dem momentanen Zustand des/r KlientIn.

Das oberste Ziel der Basisbetreuung ist die Synchronisation von Seele, Körper und Umwelt und die Schärfung der Wahrnehmung. Es geht sozusagen darum sich gleichzeitig des eigenen Körpers, Denkens und Handelns bewusst zu sein. Deshalb ist die Arbeit mit dem/der Betroffenen auch sehr alltagsorientiert und konkret. Tätigkeiten wie Kochen, Putzen und Reparaturen erfordern die ungeteilte Aufmerksamkeit und haben selten einen Bezug zur Gedankenwelt des Wahns.

Ein Prinzip der Basisbetreuung ist: „Betreue den Haushalt; auch während einer Krise“. Dadurch wird der Lebensraum des/r Betroffenen miteinbezogen. Diese Prinzip gilt zudem, wenn der/die KlientIn verschwunden ist. Hier kommt die Betreuung den Hausgenossen zugute und der/die KlientIn fühlt sich willkommen, wenn er/sie zurückkommt.

Ein weiterer Baustein der Basisbetreuung ist: „Die Wohnung ist für alle da“. Es wird deutlich, dass die Wohnung zum Wohle aller die darin leben und arbeiten von Bedeutung ist und nicht nur zum Wohle des/r Betroffenen. Die geistige Gesundheit der einzelnen Teammitglieder und der HausgenossInnen ist eine ebenso wichtige Ressource und auch Gegenstand der therapeutischen Heilgemeinschaft.

Im Rahmen der Basisbetreuung treten immer wieder Inseln der Klarheit auf, Momente aufmerksamen Wachseins. Diese gilt es zu erkennen, richtig einzuschätzen und positiv darauf einzuwirken. Sie sind die entscheidende Chance im Heilungsprozess durch welche der/die Betroffene Mut schöpft und sein/ihr Interesse an der eigenen Gesundheit immer mehr wächst.

 

2.3.2 Erforderliche Qualifikationen und Eigenschaften der Teammitglieder

Aus einer Umfrage Podvolls geht hervor, dass von einer Psychose genesende Klienten sich Menschen in ihrem Umfeld wünschen, die Geduld, Humor, Zeit und Verständnis für ihre Situation mitbringen, die das Beste in ihnen ansprechen und freundschaftliche Gefühle hervorrufen, Vertrauen wecken.

Folgende Eigenschaften und Fähigkeiten haben sich als sinnvoll für die Basisbetreuung herauskristallisiert und werden in der Ausbildung zum TeamtherapeutInnen im Rahmen von entspre- chenden Workshops berücksichtigt:

 
Präsent sein: Unter Präsenz versteht Podvoll eine Mischung aus Ruhe, Wachheit und Energie. Daran schließt sich eine wachsame und gleichzeitig entspannte und dadurch unaufdringliche Aufmerksamkeit an.
 
Mitgefühl: Das sich in den Betroffenen Hineinversetzen ist ein zentraler Inhalt des Mitgefühls. Obwohl ein Mensch für eine große Tiefe an Mitgefühl fähig ist, ist es nicht immer leicht sich jemandem echt mitfühlend zuzuwenden. Deshalb werden Windhorse - TherapeutInnen und alle, die es werden wollen mit der Praxis des Mitgefühls wie sie in der buddhistischen Heiltradition gelehrt wird vertraut gemacht. Dadurch entsteht eine umfassende Sympathie und Offenheit.
 
Geschehen-Lassen-Können: Zu dieser Haltung gehört z.B. Erwartungen, sowohl negative als auch positive aufzugeben und den Gang der Dinge gewähren lassen. Die Basis dafür ist ein Vertrauen, dass es keinen Stillstand gibt. Es handelt sich um eine niemals verurteilende Offenheit für alles was sich in dem/r KlientIn und in einem selbst abspielt, die Lockerheit und Entspannung hervorruft.
 
Es kommt auch darauf an, die Bestrebungen des/r Betroffenen zu erkennen, an seiner Situation etwas ändern zu wollen. Wenn er/sie zum Beispiel Selbst-disziplin wiedererlangen und für andere etwas tun will, weil er/sie ähnliches vielleicht schon vor der Psychose gemacht hat, so gilt es dies zu beachten und wie Inseln der Klarheit hervorzuheben und zu verstärken.
 
Betroffene anzuleiten und zu ermutigen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
 
Bereitschaft zum Lernen über sich selbst: Heilung wird nicht als einseitiger Prozess verstanden. Durch die Basisbetreuung ist man intensiv mit sich selbst konfrontiert und kann eigene Heilungsprozesse anregen.
 
Fähigkeit zur Freundschaft: Sie scheint in diesem Kontext unvermeidlich, doch gibt es viele Professionelle, die eine solche Familiarität nicht gutheißen, weil sie der Ansicht sind, dass professionelle Distanz unabdingbarer Bestandteil einer therapeutischen Beziehung ist. 

 

 2.4 Verbreitung des Windhorse Projektes

Es liegt uns zwar keine Statistik zum Erfolg der Wind- horse-Therapie vor, aber aus dem bisherigen Erfahrungs- austausch wissen wir dass Betroffene sehr unterschiedlich lange die Windhorse Wohngemeinschaft in Anspruch nehmen. Die Verweildauer liegt zwischen 6 Monaten und 4 Jahren; ist also sehr individuell. Nach diesen Erfahrungen dauert es unterschiedlich lange die Inseln der Klarheit ganz zu erobern und das eigene Leben in geistiger Gesundheit wieder aufzunehmen. Es ist ein langer Lernprozess, der gut begleitet sein will.

Auch in Europa (Großbritannien, Österreich, Schweiz und Deutschland) ist das Windhorse Projekt in der Fachwelt durchaus bekannt und wird vielfältig diskutiert, z.B.:

 
An der Universitätsklinik in Hamburg gab es eine Projektgruppe Windhorse, die sich mit den Inhalten des Projektes beschäftigt und eine mögliche Realisierung diskutiert.
 
In Wien wurde 1994 von Dr. Hans Kaufmann und Mitarbeitern der therapeutischen Gemeinschaftspraxis „Friedensbrücke“ das Windhorse-Projekt realisiert. Inzwischen werden fünf Windhorse-Wohngemeinschaften betreut.